Berufliche und gesellschaftliche Integration für alle Zuwanderer
gerne bin ich Ihrer Einladung zum 8. Medienforum "Migranten bei uns" nach Stuttgart gefolgt.
"Verzerrte Berichterstattung über Spätaussiedler und Rußlanddeutsche in den Medien?" Das Thema ist vielschichtig und kann nicht über einen "Kamm geschoren" werden. Es ist daher mit Recht nicht als absolute These formuliert worden, sondern in Frageform gekleidet.
Zunächst sollten wir uns angesichts eines gewaltigen Medienmarktes vor
Augen führen, welche Art von Medien das Thema besetzen.
Zum einen sind es die deutschsprachigen Medien, bei denen wiederum
zwischen überregionalen und regionalen/lokalen Erscheinungsformen zu
differenzieren ist.
Generell kann man hier sagen: je überregionaler die Berichterstattung
angelegt ist, desto weniger ist das Thema "Aussiedler" präsent.
Dies gilt auch für den audiovisuellen Bereich.
Zum anderen haben wir es - insbesondere beim Hörfunk - auch mit
Medienangeboten zu tun, die in Fremdsprachen gehalten sind und von den
Betroffenen gerne genutzt werden. Für die einheimische Bevölkerung
bleibt dies jedoch ohne nennenswerte Relevanz.
Als wichtige Konkurrenz wachsen zunehmend fremdsprachige Printmedien
heran, die meist aus den Herkunftsländern der Spätaussiedler stammen
und vielfach eine eigene Informationspolitik betreiben. Hier stellt
sich die Frage, ob dieses Angebot der Aufnahme und Akzeptanz im neuen
Umfeld der Spätaussiedler zuträglich ist oder eher wegen der
sprachlichen Ausgrenzung die Ethnisierung und Bildung von
Parallelgesellschaften begünstigt.
Fragt man nach den Themenfeldern, an denen sich eine verzerrte Berichterstattung entzündet, sind vor allem folgende Komplexe zu nennen:
Dabei fällt in der Berichterstattung eine merkwürdige "Dualisierung"
der Migration auf.
Es gibt "gute" und "schlechte" Zuwanderer. Wenn von "Flüchtlingen" die
Rede ist, sind vielfach die (wenigen) politisch Verfolgten gemeint,
denen unsere Fürsorge gilt. Mit dem Begriff Asylanten/Asylbewerber
werden all diejenigen abgestempelt, die uns zu bedrängen scheinen, die
uns fremd sind und die unser Sozialsystem ausnutzen wollen.
Die Gruppe der Aussiedler liegt irgendwo dazwischen. Ich glaube der
"Spiegel" hatte nicht unrecht, als er bereits im Herbst 1991 in einer
Titelgeschichte eine Flüchtlingshierarchie skizzierte, die sich in
negativer Steigerung wie folgt liest:
Flüchtlinge - Aussiedler - Asylanten
Analysiert man die Inhalte der Berichterstattung, so fällt auf, dass
das Thema tendenziell negativ und insbesondere im regionalen und
lokalen Bereich simplifizierend behandelt wird. Die Berichterstattung
ist überdies häufig polarisierend und schablonenhaft. Es fehlen faire
Positivbilder aus der Alltagswirklichkeit im Zusammenleben zwischen
Einheimischen und Zuwanderern/Aussiedlern.
Positive Aspekte der Zuwanderung - etwa in den Bereichen
Kultur/Gesellschaft/Wirtschaft - finden so gut wie nicht statt.
Bilanzierend könnte man ein altes angelsächsisches Sprichwort "Only
bad news are good news" für unser Thema etwas überspitzt dahin
abwandeln: Nur "böse Zuwanderer" sind für die Berichterstattung "gute
Zuwanderer".
Bemerkenswert ist auch, dass Migranten meist als Objekt und nicht als
agierendes Subjekt der Berichterstattung auftreten.
Wir sollten uns darüber im klaren sein: Art und Weise der
Berichterstattung sind nicht ohne Einfluss auf das öffentliche
Meinungsbild und damit auch auf die Gefahr der Entstehung
fremdenfeindlicher Ressentiments. Die jeweilige Akzentuierung der
Nachricht kann Vorurteile verstärken, sie kann aber auch helfen, sie
abzubauen.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich ein Thema aufgreifen, das
schon kurz anklang und aus der Diskussion, die wir hier führen, nicht
wegzudenken ist: Die Frage der Kriminalitäts- und Suchtanfälligkeit
bzw. -gefährdung insbesondere junger Spätaussiedler - ein Thema, dass
sicherlich in besonderer Weise anfällig für eine simplifizierte
Berichterstattung war und ist.
Mit Sorge verfolge ich Meldungen in den Medien über Alkoholismus,
Drogenkonsum und Kriminalität bei jugendlichen Aussiedlern. Ich weiß,
dass ein derartiges Verhalten bei den Aussiedlern nicht der Regelfall
ist. Gleichwohl nehme ich diese Meldungen ernst, hat sich doch schon
bei vielen Bürgerinnen und Bürger der Eindruck verfestigt, dass gerade
junge Aussiedler kriminell sind und zu Gewalt und Drogenkonsum neigen.
Wie Sie wissen, wird die Kriminalitätsbelastung der Aussiedler
überwiegend spekulativ beurteilt, da bundesweit keine gesicherten
Erkenntnisse vorliegen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik enthält
keine Angaben zur Kriminalität von Aussiedlern, sondern unterscheidet
nur zwischen Deutschen, zu denen auch die Aussiedler gehören, und
Ausländern.
Die Aussagen bezüglich der Kriminalitätsbelastung von Aussiedlern
gehen weit auseinander. So gehen einige regionale punktuelle
Untersuchungen von einer überproportionalen Kriminalitätsbelastung von
Aussiedlern aus, während andere wiederum von einer zu
vernachlässigenden Größe sprechen.
Vor dem Hintergrund der bisher unzureichenden Informationslage zur
Aussiedlerkriminalität habe ich mit Interesse zur Kenntnis genommen,
dass das Bayerische Landeskriminalamt eine Untersuchung zur
Kriminalität von Aussiedlern durchgeführt hat, die im April 2000
abgeschlossen wurde.
Sie kommt zu folgendem Ergebnis:
Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt das Bundeskriminalamt in seinem
jüngsten Bericht zur Drogenbelastung von Aussiedlern. So weist die
Falldatei Rauschgift, in die die Kennzeichnung tatverdächtiger
Aussiedler seit dem 01.01.2000 aufgenommen ist, aus, dass von der
Gesamtzahl aller Tatverdächtigen im Jahr 2000 ca. 5 % und im Jahr 2001
ca. 6 % Aussiedler waren. Für 2002 liegen keine wesentlichen
Änderungen vor. Der Anteil der Aussiedler an allen Tatverdächtigen
beträgt bisher ca. 5 %. Außerdem ging nach neuesten Erhebungen des BKA
die Zahl der Rauschgifttodesfälle bei Aussiedlern im Jahr 2002
gegenüber dem Vorjahr um 8,4 % auf 130 Drogenopfer zurück. Bereits
zwischen den Jahren 2000 und 2001 war eine rückläufige Entwicklung zu
verzeichnen, die mit rd. 19 % allerdings wesentlich deutlicher
ausfiel.
Damit kann folgendes festgestellt werden
Die Ursache für die Probleme liegt in einer mangelnden Integration
insbesondere bei jugendlichen Aussiedlern. Dies ist nicht zuletzt
Ausdruck ihres Migrationschicksals, d.h. sie sind aus ihrer
Herkunftsgesellschaft herausgerissen und in der Aufnahmegesellschaft
noch nicht integriert. Zusätzlich werden hier Versäumnisse der
Vergangenheit offenkundig, die dem Aspekt einer wirksamen
Eingliederung eine zu geringe Bedeutung beigemessen haben. Dabei ist
vor allem nicht hinreichend beachtet worden, dass sich seit Mitte der
90ziger Jahre der Anteil der nichtdeutschen Familienangehörigen, die
in den Aufnahmebescheid eines Aussiedlers einbezogen werden können,
erheblich erhöht hat. So liegt heute das Verhältnis der Aussiedler zu
ihren mitreisenden Familienangehörigen bei 21 zu 79 Prozent. Diese
Familienangehörigen haben wenig oder gar keine Deutschkenntnisse und
sind deshalb nur schwer integrierbar. Außerdem gefährden sie
Sozialverträglichkeit und Akzeptanz des weiteren Spätaussiedlerzuzugs.
Hier setzt der Entwurf unseres neuen Zuwanderungsgesetzes an, von dem
ich hoffe, das er im zweiten Anlauf geltendes Recht werden wird.
Danach wird die Einbeziehung nichtdeutscher Ehegatten oder Abkömmlinge
von Spätaussiedlerbewerbern in deren Aufnahmebescheid nur zulässig
sein, wenn diese über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Für
nicht in den Aufnahmebescheid einbezogene Angehörige von
Spätaussiedlern gelten die Regelungen des Ausländerrechts für den
Familiennachzug von Ausländern zu Deutschen, der im wesentlichen auf
Ehegatten und minderjährige unverheiratete Kinder beschränkt ist.
Unabhängig hiervor haben wir darüber hinaus seit 1998 umgesteuert und
die Anstrengungen zur gesellschaftlichen Integration vor allem junger
Aussiedler intensiviert. Trotz aller Sparzwänge sind die
BMI-Integrationsmittel seit 1998 stufenweise erhöht worden, und zwar
von über 16 Mio Euro auf 26,907 Mio Euro im Jahre 2002. Im
Bundeshaushalt
2003 ist eine Mittelerhöhung auf 28,08 Mio Euro ausgewiesen. Mit einer
solchen Verstärkung wird ein wichtiges Zeichen für die
Präventionsarbeit im Sucht- und Kriminalitätsbereich gesetzt.
Mit Integrationsmitteln des BMI werden beispielsweise modellhaft 10
Projekte zur Suchtprävention gefördert. Die Projekt sind in Würzburg,
zwei in Cloppenburg, im Oberbergischen Kreis, im Kreis Lippe, in
Berlin, in Wismar, im Kreis Emsland, in Aachen und in Leipzig.
Die bestehenden Drogenberatungsstellen sind in aller Regel nicht auf
Migranten eingestellt. Die Erfahrungen aus den Modellprojekten sollen
den Regeldiensten helfen, spezielle Angebote für Aussiedler und andere
Zuwanderer zu entwickeln.
Darüber hinaus werden aus BMI-Integrationsmitteln insgesamt 16
Modellprojekte zur Kriminalprävention gefördert. Hierfür stehen im
Haushaltsjahr 2003 über 735.000 Euro bereit.
Ich habe versucht, aus meiner Sicht einige Gedanken zur Wechselwirkung
Medien/Aussiedler zu formulieren.
Sicherlich haben die Medien wesentlichen Anteil daran, welches
Aussiedlerbild sich im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger
festsetzt. Dies macht zugleich ihre besondere Verantwortung auf diesem
Felde aus.
Migrationprozesse - welcher Art auch immer - bergen immer auch
Konflikte und Spannungen in sich, die wiederum Sorgen und
Befürchtungen der einheimischen Bevölkerung auslösen. Diese müssen
ernst genommen werden.
Nur im offenen Dialog aller Beteiligten auf der Basis einer fairen,
sachbezogenen und differenzierten Berichterstattung der Medien wird es
- und dies gilt nicht nur für den Aussiedlerbereich - gelingen,
Vorurteilen entgegen zu wirken und die soziale Akzeptanz der zu
bewältigenden Aufgaben auf Dauer sicherzustellen.
Unsere Kommunikationsplattform finden Sie bei